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Warum Medizin ohne Hygiene nichts ist

vor 3 Tagen
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Lesezeit: ca. 10 Minuten


Vor einigen Wochen bin ich früh morgens durch unsere Praxis gegangen, bevor der erste Patient da war, und bin kurz im Aufbereitungsraum stehen geblieben. Dort lief bereits der erste Sterilisationszyklus, die Instrumente aus dem Vortag waren gereinigt, desinfiziert, verpackt und dokumentiert. Niemand von unseren Patientinnen und Patienten wird diesen Raum je betreten. Und doch hängt buchstäblich jede einzelne Behandlung, die an diesem Tag stattfindet, von dem ab, was dort passiert ist.

Dieser Moment hat mir wieder bewusst gemacht, wie selbstverständlich wir Hygiene in der Medizin nehmen – und wie wenig Sichtbarkeit die Menschen bekommen, die dafür sorgen, dass sie funktioniert. Ich schreibe diesen Beitrag als Zahnarzt, der täglich mit sterilen Instrumenten arbeitet, und als Medizintechnik-Unternehmer, der weiß, wie viel technisches Können in einem Produkt stecken kann – und wie wenig das zählt, wenn die Hygienekette an irgendeiner Stelle reißt.


Hygiene ist keine Nebensache, sondern die Grundlage jeder Behandlung

In Gesprächen außerhalb der Praxis erlebe ich oft, dass Hygiene als eine Art Rahmenbedingung wahrgenommen wird – wichtig, aber letztlich zweitrangig gegenüber der eigentlichen medizinischen Leistung. Aus klinischer Sicht ist genau das Gegenteil richtig: Hygiene ist keine Ergänzung zur Behandlung, sie ist eine ihrer Voraussetzungen. Ein technisch brillant durchgeführter Eingriff, eine präzise gesetzte Füllung, eine perfekt sitzende Prothese – all das verliert seinen Wert, wenn dabei ein Erreger übertragen wird, der vorher hätte verhindert werden können.

Das lässt sich auch nüchtern in Zahlen fassen: Healthcare-assoziierte Infektionen zählen zu den häufigsten vermeidbaren Komplikationen im Gesundheitswesen überhaupt. Nicht, weil die Medizin nicht gut genug wäre, sondern weil Hygiene an einer einzigen Stelle im Prozess unterschätzt wurde. Für mich als Behandler bedeutet das: Jede Entscheidung am Patienten steht auf einem Fundament, das ich selbst oft gar nicht direkt sehe – der korrekten Aufbereitung, der Flächendesinfektion, der Händehygiene des gesamten Teams.


Medizintechnik ist nur so gut wie ihre Aufbereitung

Als Unternehmer in der Medizintechnik sehe ich eine zweite Seite dieses Themas, die in der öffentlichen Wahrnehmung oft fehlt: Ein Medizinprodukt ist nicht an dem Tag "fertig", an dem es die Zulassung erhält. Es ist erst dann sicher, wenn es unter realen Bedingungen wiederholt korrekt gereinigt, desinfiziert und – wo nötig – sterilisiert werden kann.

Das ist keine Formalität, sondern in Österreich, Deutschland und der Schweiz regulatorisch fest verankert – etwa über die Medizinprodukte-Betreiberverordnung und die Anforderungen an die Aufbereitung von Medizinprodukten. Praktisch heißt das: Jedes wiederverwendbare Instrument durchläuft einen validierten Prozess, jede Charge wird dokumentiert, jede Aufbereitungseinheit muss regelmäßig überprüft werden. Das ist aufwendig – und genau richtig so, denn hier entscheidet sich, ob aus einem Medizinprodukt tatsächlich ein sicheres Medizinprodukt wird.

Ich habe in meiner eigenen Praxis erlebt, wie viel handwerkliches und fachliches Können in diesem Bereich steckt. Eine gute Aufbereitung ist kein simpler Reinigungsschritt, sondern verlangt Wissen über Materialverträglichkeit, Verpackungstechnik, Sterilisationsparameter und Dokumentationspflichten. Das ist ein eigenes Fachgebiet – und wird in der öffentlichen Wahrnehmung fast nie als das behandelt, was es ist.


Warum ausgeklügelte Produkte am hygienischen Detail scheitern

In meiner Arbeit an der Schnittstelle zwischen klinischer Anwendung und Herstellung sehe ich immer wieder ein Muster, das ich schon in einem früheren Beitrag beschrieben habe: Produkte scheitern selten an der großen Idee, sondern an unterschätzten Details. Bei der Hygiene zeigt sich das besonders deutlich.

Ein Instrument mit schwer zugänglichen Hohlräumen, eine Oberfläche mit feinen Rillen, in denen sich organisches Material festsetzt, ein Material, das die vorgeschriebene Zahl an Sterilisationszyklen nicht verlässlich übersteht – all das sind keine kosmetischen Schwächen, sondern reale Risikofaktoren. Ich habe selbst Produkte in der Hand gehabt, die im Entwicklungslabor überzeugend wirkten, deren Reinigungsfähigkeit im klinischen Alltag aber unterschätzt worden war.

Mein Rat an Herstellerinnen und Hersteller ist deshalb immer derselbe: Reinigungs- und Sterilisationsfähigkeit gehören nicht ans Ende der Entwicklung, sondern an den Anfang – als Designkriterium, nicht als nachträgliche Prüfung. Wer ein Produkt entwickelt, das theoretisch hygienisch aufbereitet werden kann, aber in der Praxis mit den vorhandenen Aufbereitungseinheiten, dem verfügbaren Zeitfenster und dem tatsächlichen Personal kaum zuverlässig sauber zu bekommen ist, hat ein Sicherheitsproblem geschaffen – unabhängig davon, wie fortschrittlich die eigentliche Funktion des Produkts ist.


Die unterschätzten Menschen: Reinigungs- und Aufbereitungspersonal

Der Teil dieses Themas, der mir persönlich am meisten am Herzen liegt, ist ein anderer: die Menschen, die diese Arbeit tatsächlich leisten. In Kliniken, Praxen und Pflegeeinrichtungen sind das die Reinigungskräfte, die täglich Flächen, Böden und Kontaktpunkte desinfizieren, und die Fachkräfte in der Aufbereitung von Medizinprodukten, die häufig eine eigene, anspruchsvolle Ausbildung durchlaufen haben.

Diese Berufsgruppen gehören zu den am wenigsten sichtbaren – und oft auch am schlechtesten vergüteten – Positionen im gesamten Gesundheitswesen. Gleichzeitig tragen sie eine Verantwortung, die unmittelbar über Behandlungserfolg und Patientensicherheit entscheidet. Wenn eine Operation gelingt, wird das dem Operationsteam zugeschrieben. Wenn eine Infektion ausbleibt, weil die Aufbereitung sauber gearbeitet hat, bemerkt das in der Regel niemand – ganz einfach, weil nichts passiert ist. Gute Hygienearbeit ist per Definition unsichtbar, solange sie funktioniert. Genau das macht sie so leicht zu übersehen und so schwer wertzuschätzen.

Aus meiner Sicht ist das eine Schieflage, die sich die Medizin nicht leisten sollte. Reinigungs- und Aufbereitungspersonal sind keine Randfiguren des klinischen Betriebs, sondern ein integraler Teil des Behandlungsteams – auch wenn sie selten am Behandlungsstuhl oder im OP-Saal stehen. Ich würde mir wünschen, dass diese Berufsgruppen strukturell stärker eingebunden werden: durch echte Mitsprache bei der Auswahl von Reinigungsmitteln und Geräten, durch sichtbare Anerkennung im Team, und durch eine Entlohnung, die dem tatsächlichen Risiko und der Verantwortung entspricht, die mit dieser Arbeit einhergeht.


Was das für die Branche bedeutet

Für Unternehmen, die Medizinprodukte entwickeln, herstellen oder in Praxen und Kliniken einsetzen lassen, ziehe ich daraus eine klare Konsequenz: Hygiene darf nicht als letzter Prüfpunkt vor der Zulassung behandelt werden, sondern muss von Anfang an mitgedacht werden – im Produktdesign genauso wie in der Organisation des klinischen Alltags. Und für Einrichtungen im Gesundheitswesen gilt aus meiner Sicht ebenso klar: Wer in modernste Medizintechnik investiert, aber an der Wertschätzung und Ausstattung des Reinigungs- und Aufbereitungspersonals spart, untergräbt genau das Fundament, auf dem diese Technik erst sicher wirken kann.

Medizin ohne Hygiene ist, so hart es klingt, keine Medizin – sondern ein Risiko mit gutem Marketing. Die eigentliche Qualität eines Gesundheitssystems zeigt sich nicht nur an der Technologie, die es einsetzt, sondern auch daran, wie es mit den Menschen umgeht, die im Hintergrund dafür sorgen, dass diese Technologie sicher genutzt werden kann.


Fazit

Der stille Moment im Aufbereitungsraum an diesem frühen Morgen hat mir noch einmal deutlich gemacht, wie viel unsichtbare Arbeit hinter jeder sicheren Behandlung steckt. Ich wünsche mir, dass diese Arbeit sichtbarer wird – nicht nur in Sonntagsreden, sondern in der täglichen Anerkennung, in der Ausbildung, in der Bezahlung und in der Art, wie wir als Branche über Medizintechnik sprechen.

Wenn Sie als Unternehmen oder Einrichtung aus dem Medizin-, Gesundheits- oder Medizintechnikbereich Interesse an einem Austausch zu Hygiene, Aufbereitung oder Produktdesign aus klinischer Perspektive haben, freue ich mich über eine Nachricht.


Dieser Beitrag spiegelt meine persönliche berufliche Erfahrung als Zahnarzt und Medizintechnik-Unternehmer wider und erhebt keinen Anspruch auf allgemeine Repräsentativität für die gesamte Branche.

 
 
 

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