Was mir ein Medizinhersteller verriet – und was ich ihm raten würde
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Vor Kurzem hat mich ein Hersteller von Medizinprodukten etwas gefragt, das mich seither nicht mehr loslässt: „Was würden Sie an unserer Stelle anders machen?" Die Frage kam aus echtem Interesse, nicht aus Höflichkeit. Und sie hat mich gezwungen, etwas zu formulieren, das ich als Zahnarzt und Medizintechnik-Unternehmer seit Jahren spüre, aber selten laut ausspreche: Zwischen dem, was in der Entwicklung und Produktion eines Medizinprodukts passiert, und dem, was am Behandlungsstuhl oder im OP tatsächlich gebraucht wird, klafft oft eine überraschend große Lücke.
Ich schreibe diesen Beitrag nicht als Kritik an einer Branche, die ich selbst mitgestalte. Ich schreibe ihn, weil ich glaube, dass die Perspektive der Anwenderinnen und Anwender – also von uns, die Produkte täglich am Patienten einsetzen – zu selten strukturiert in die Produktentwicklung und -kommunikation zurückfließt. Dabei ist genau dieses Wissen Gold wert.
Zwei Perspektiven, ein Produkt
Ich habe das Privileg, beide Seiten zu kennen: Als Zahnarzt in Deutschland, Österreich und in der Schweiz habe ich Medizinprodukte über Jahre klinisch angewendet – an echten Patienten, unter echtem Zeitdruck, mit echten Komplikationen. Gleichzeitig produziere ich heute selbst täglich Medizinprodukte und kenne die andere Seite des Tisches: Normen, Dokumentation, Zulassungsprozesse, Qualitätsmanagement.
Diese doppelte Erfahrung zeigt mir immer wieder: Ein Produkt, das im Labor perfekt funktioniert und alle regulatorischen Anforderungen erfüllt, kann in der klinischen Praxis trotzdem an Details scheitern, die niemand im Entwicklungsteam auf dem Schirm hatte. Nicht, weil die Entwickler schlecht arbeiten – sondern weil sie das Produkt selten unter echten Praxisbedingungen erleben.
Was ich dem Hersteller geraten habe
Im Gespräch habe ich versucht, meine Gedanken in ein paar konkrete Punkte zu fassen. Die möchte ich hier teilen, weil ich denke, dass sie für viele Unternehmen aus dem Medizin-, Gesundheits- und Medizintechnikbereich relevant sind – unabhängig vom konkreten Produkt.
1. Praxis-Alltag ist keine Laborbedingung
Ein Instrument oder Material, das unter kontrollierten Testbedingungen einwandfrei funktioniert, muss sich auch bei Zeitdruck, wechselnden Patientenanatomien, Assistenzpersonal mit unterschiedlichem Erfahrungslevel und suboptimaler Beleuchtung bewähren. Mein Rat: Lassen Sie Produkte so früh wie möglich von echten Anwenderinnen und Anwendern in echten Behandlungssituationen testen – nicht nur von geschultem Fachpersonal in einer Simulationsumgebung. Die Rückmeldungen, die dabei entstehen, unterscheiden sich oft deutlich von dem, was interne Tests zeigen.
2. Die Gebrauchsanweisung ist nicht die Schulung
Viele Produkte kommen mit hervorragend ausgearbeiteten, normkonformen Gebrauchsanweisungen. Das ist wichtig und notwendig. Aber eine Gebrauchsanweisung ersetzt keine praxisnahe Einweisung. Anwenderinnen und Anwender lernen am besten durch kurze, visuelle, szenariobasierte Schulungsformate – etwa ein zweiminütiges Video, das genau die kritischen Handgriffe zeigt, statt eines zwanzigseitigen Dokuments. Mein konkreter Vorschlag: Ergänzen Sie textbasierte Dokumentation um kurze visuelle Lernformate, die den tatsächlichen Arbeitsablauf abbilden.
3. Feedback-Kanäle müssen echte Kanäle sein
Die meisten Hersteller haben formale Prozesse für Reklamationen und Vorkommnisse – das ist regulatorisch auch vorgeschrieben. Aber Vorkommnismeldungen erfassen meist nur das, was schiefgeht, nicht das, was besser laufen könnte. Es fehlt oft ein niederschwelliger, informeller Kanal für Verbesserungsvorschläge von Anwenderseite. Ein kurzer Anruf, eine einfache E-Mail-Adresse für Feedback, ein Ansprechpartner, der wirklich zuhört – das kostet wenig und bringt oft mehr Erkenntnis als aufwendige Marktbeobachtungsstudien.
4. Verpackung und Kennzeichnung werden unterschätzt
Aus klinischer Sicht kann ich sagen: Wie ein Produkt verpackt, beschriftet und im Praxisalltag gelagert wird, beeinflusst massiv, wie sicher und effizient es angewendet wird. Verwechslungsgefahr durch ähnlich aussehende Verpackungen, schwer lesbare Chargenbezeichnungen oder unpraktische Entnahmemechanismen sind keine Kleinigkeiten – sie sind im hektischen Praxisalltag echte Risikofaktoren. Mein Rat: Lassen Sie Verpackung und Kennzeichnung nicht nur von Regulatory-Teams, sondern auch von Anwenderinnen und Anwendern unter Zeitdruck testen.
5. Der Übergang von Entwicklung zu Anwendung braucht eine Brücke
Entwicklungsteams, Qualitätsmanagement und Vertrieb sprechen oft unterschiedliche Sprachen als das klinische Personal. Ein Produktmanager kennt die technische Spezifikation in- und auswendig, aber vielleicht nicht den Moment, in dem eine Zahnärztin am Stuhl unter Zeitdruck eine Entscheidung treffen muss. Diese Brücke – zwischen technischem Wissen und klinischer Realität – zu bauen, ist aus meiner Sicht eine der größten ungenutzten Chancen für Hersteller. Menschen, die beide Welten kennen, sind selten, aber genau deshalb wertvoll als Berater, Tester oder Sparringspartner in der Produktentwicklung.
6. Kleine iterative Verbesserungen schlagen große Relaunches
Aus meiner unternehmerischen Erfahrung in der eigenen Produktion weiß ich: Der Impuls, ein Produkt komplett neu zu denken, ist verlockend, aber riskant und teuer. Oft bringen kleine, kontinuierliche Anpassungen – basierend auf echtem Anwenderfeedback – mehr Nutzen für Patientinnen, Patienten und Anwenderschaft als ein aufwendiger Relaunch alle paar Jahre. Ein strukturierter, regelmäßiger Feedback-Loop mit klinischem Personal kann diese iterativen Verbesserungen erst sichtbar machen.
Warum das für Unternehmen relevant ist
Wenn Sie in einem Unternehmen arbeiten, das Medizinprodukte, Gesundheitslösungen oder Medizintechnik entwickelt, herstellt oder vertreibt, ist die Kernbotschaft dieses Beitrags einfach: Klinisches Anwenderwissen ist kein Nice-to-have, sondern ein strategischer Vorteil. Es hilft, Risiken frühzeitig zu erkennen, Schulungsaufwand zu reduzieren, Reklamationen zu senken und – nicht zuletzt – Produkte zu entwickeln, die im Alltag wirklich überzeugen.
Genau hier sehe ich meine eigene Rolle: Als jemand, der über Jahre auf beiden Seiten stand – als klinischer Anwender und als Hersteller – kann ich diese Brücke bauen. Sei es als Sparringspartner in frühen Entwicklungsphasen, als Tester für Usability-Fragen, als Berater für Schulungskonzepte oder einfach als kritische, aber konstruktive Stimme aus der Praxis.
Fazit
Das Gespräch mit dem Hersteller hat mir noch einmal bewusst gemacht, wie viel Potenzial in der engeren Verzahnung von klinischer Erfahrung und industrieller Entwicklung steckt. Nicht als Kontrollinstanz, sondern als Partnerschaft auf Augenhöhe. Wer Produkte für den Menschen entwickelt, sollte den Menschen, der sie täglich anwendet, so früh und so oft wie möglich einbeziehen.
Wenn Sie als Unternehmen aus dem Medizin-, Gesundheits- oder Medizintechnikbereich Interesse an einem Austausch aus klinischer und unternehmerischer Perspektive haben, freue ich mich über eine Nachricht. Manchmal braucht es nur ein Gespräch, um eine neue Perspektive auf ein bestehendes Produkt zu gewinnen.
Dieser Beitrag spiegelt meine persönliche berufliche Erfahrung als Zahnarzt und Medizintechnik-Unternehmer wider und erhebt keinen Anspruch auf allgemeine Repräsentativität für die gesamte Branche.
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